Freitag, 6. Juli 2012

Welcome to the pleasure cloud! (Ihr Leben 2015)




„Meine Weisheit sammelt sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird stiller und dunkler.“
Friedrich Nietzsche

Prophezeiungen beinhalten das Wagnis des Irrtums. Manche sind radikal, einige schlichtweg logisch. Seien Sie demnach versichert: Die Wolke kommt und wird schneller Teil unseres Lebens, als wir es ahnen. 

Ob wir das wollen? Egal, wir werden es nicht einmal bemerken.


Die Zeichen der Zeit: Keine Berichterstattung, keine Werbung aus dem IT-Bereich ohne das Wort „Cloud“. IBM wirbt damit, Microsoft wirbt damit und Apple hat es bereits in unser Leben eingeführt. „Cloud-Computing“ brüllt es an jeder Ecke und selbst Laien ahnen, da geht es irgendwie um Internet und um unsere Daten. Und natürlich: Big Business. Spätestens seitdem Apple vor einigen Monaten seinen Service iCloud (in der Steve Jobs jetzt hoffentlich lächelnd ruht) eingeführt hat, ist gewiss: Das wird vehement unseren Alltag verändern.

iPod, iPhone und iPad: Alles, was Apple in der letzten Dekade eingeführt hat, hat Auswirkungen auf unser immer technologisiertes Leben. Weil Technik vollkommen in den Hintergrund tritt und die Bedienung kinderleicht ist. Danach kann alles nur mehr als i-Killer bezeichnet werden, bleibt aber schwache Kopie eines radikalen visionären Triebes namens Usability. Sie möchten widersprechen? Gerne: Geben Sie Ihr iPad einem Fünfjährigen (und staunen Sie). 

Aber wie wird diese Wolke unseren Alltag verändern? Was heißt das, wenn unsere Daten im großen digitalen Nebel lagern?


Fünf Computer für die Welt
Lernen wir aus der Asche der Vergangenheit, springen wir zu den Anfängen des Computing-Zeitalters. Thomas Watson sagt 1943 als IBM-Vorsitzender: „Ich denke, es gibt weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer.“ Aus damaliger Sicht eine verständliche Annahme, denn es herrschen leistungsstarke Server und schwachbrüstige Clients. Alle Arbeit wird von tonnenschweren Rechenzentren bewerkstelligt und nur die Ergebnisse der Rechenoperationen auf den Endgeräten der User dargestellt. Diese User sind vornehmlich Mathematiker, Wissenschafter, Nerds (werden wir sie später nennen) und ein paar Börsenhaie, die besser zocken wollen. 

Dem Gedanken folgend bemerkt Ken Olson, Gründer von Digital 1977 (wenn Sie dieses Unternehmen noch kennen, sind Sie übrigens weit über 40): „Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer in seinem Haus wollen würde.“

Die nächsten 20 Jahre jedoch wandelt sich die Technologie hin zu immer leistungsfähigeren Endgeräten. Schnellere Rechner, größere Festplatten bis zur Grenze des physisch Machbaren, mehr Arbeitsspeicher, höher getaktete Prozessoren. Schließlich gilt es all die selbst geschossenen Fotos abzulegen, Urlaubsvideos zu schneiden und immer größere Dokumente (danken Sie an dieser Stelle Microsoft) zu bearbeiten.

Mr. Moore behält mit seinem Gesetz recht, alle 18 Monate verdoppelt sich die Leistungsstärke der Prozessoren und die Hardware-Industrie freut sich: Leistung zählt und wir zahlen. 
Dann aber passiert etwas nicht ganz Unerhebliches: das Internet. 

Eine Schwalbe macht noch keinen Ron
Können Sie sich noch an Ron Sommer erinnern? Der Herr mit den großen Brillen leitete Nixdorf und Sony, bevor er Chef der Deutschen Telekom wurde. Anfang der 90er Jahre meinte er klar und visionär: „Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft.“ Heute klingt die Deutsche Telekom ein wenig anders: „Wir wollen die Cloud für alle!“, verkündete jüngst und stolz der Vorstandschef Rene Obermann.

Jetzt also doch „Cloud-Computing“. Schnell übersetzt heißt das: Die Daten sind im Internet, werden dort permanent gespeichert und auf Endgeräten, die jederzeit Zugriff haben, dargestellt.
Also starke Server und schwache Clients (hatten wir doch schon mal). Wobei schwach relativ ist, jeder iPad ist ein Porsche im Vergleich zu den PC-Pferdekutschen der 90er.

Ende Sommer (nein, nicht Ron) vorigen Jahres ließ eine Meldung aufhorchen, die zuerst unglaublich, bei näherer Betrachtung aber durchaus logisch ist: HP verabschiedet sich vom PC. Die überlegen sich tatsächlich die gesamte Hardware-Sparte abzudrehen. Wieso? Weil sie erkannt haben, dass der PC ein banaler austauschbarer Gegenstand geworden ist.

Währenddessen forciert Microsoft sein Office 365: „Online software hosted in the cloud“, speichert all Ihre Office-Dokumente für eine monatliche Gebühr auf Servern, auf die Sie mit jedem Gerät zugreifen können. Und nicht nur zugreifen: Sie können mit anderen gemeinsam an Dokumenten arbeiten. Digitale Kollaboration, die Google mit Google-Docs seit längerem anbietet und mit Google Drive seit kurzem auf die Ablage aller Arten von Dokumenten erweitert hat.

Fein, aber was bedeutet das für uns in 3 Jahren?
Schon jetzt können wir unsere Daten zwischen verscheidenen Geräten abgleichen. Wir haben Online-Festplatten mit zig GB Speicherplatz, Email-Accounts, welche die Nachrichten nicht mehr permanent abrufen, sondern nur mehr temporär bereitstellen und können auf unserem iPhone die gleichen Programme verwenden, wie auf unserem iPad. Nicht mehr pimp, sondern sync my PC.

Aber das ist nur der Anfang.
Die Zukunft wird wahrlich einfach und bereits 2015 Realität. Um diese Schätzung komplett zu machen: Das ist in 3 Jahren. Weniger Zeit als Faceboook benötigte um von 0 auf über 900 Millionen User weltweit zu kommen. 

Wir schreiben also einen heißen Sommer 2015 und in jeder Ecke steckt ein Device, mit dem Sie mittels Ihres Körpers (den haben Sie ja meist dabei) auf alle Dienste und all (also wirklich alle!) Ihre Daten zugreifen können. Die Telefonzelle des 21. Jahrhunderts ist das Schaufenster jedes Geschäftes: ein intelligentes (und transparentes) Internet-Terminal. Minority-Report beim Shoppen.


Sie spazieren mit einem Freund durch die Straßen, der erzählt vom letzten Urlaub, realen Sonnenuntergängen, einem wunderbaren Hotel am Strand. Sie gehen zum nächsten Display, die eingebaute Webcam erkennt Ihr Gesicht und identifiziert Sie mittels Ihres Herzschlages (Forscher in Taiwan arbeiten bereits daran). Der transparente Screen fährt sofort Ihr gewohntes Interface hoch. Sie sprechen den Namen des Hotels aus (sagen wir, es heißt Siri) und gleich taucht die dazugehörige Website auf. Ein virtueller 3D-Rundgang überzeugt Sie, Sie buchen Flug und Hotel inkl. 4-Hand-Massage mit einem Wisch Ihres Fingers (Ihr Fingerabdruck löst die Zahlung aus). Die menschliche Berührung bleibt also auch im digitalen Zeitalter erstrebenswert. Selbst, wenn diese gekauft ist.

Zwei Tage später liegen Sie bereits am Strand und lassen sich verwöhnen. Zur Massage spielt Ihre Lieblingsmusik aufgrund Ihrer öffentlichen iTunes-Bibliothek und das Abendessen schmeckt Ihnen so vorzüglich, dass Sie mit einem „Like“ auf der iPad-Speisekarte das Rezept zu Ihrem Kühlschrank übertragen. Ihre Urlaubsfotos laden Sie sofort beim Drücken des Auslösers Ihres Smartphones in Ihre Datenwolke und Ihre Freunde sehen bereits Minuten später die mit passender Musik unterlegte Diashow des Tages.

Der Urlaub ist schnell vorbei (das ändert sich leider nie), das Taxi fährt Sie zum Flughafen und natürlich steht Ihr HD-Urlaubsvideo in 3D bereits online, während Sie von der Flugbegleiterin nach der Qualität der Massage gefragt werden. Derweilen Sie bei der Ankunft auf Ihr Gepäck warten (dieses Problem bleibt noch die nächsten 100 Jahre ungelöst) sehen Sie einen Actionstreifen aus Ihrer Mediathek auf Ihrem Smartphone und bauen schnell Ihr Gesicht statt dem gealterten Bruce Willis ein (wenn Sie weiblich sind, mit digitaler Geschlechtsumwandlung). Und bevor Ihr Koffer aus dem dunklen Loch geschleudert wird, haben Sie bereits 500 Likes von Freunden, die Sie nie getroffen haben (und auch nie treffen wollen). Ihre restlichen 4.000 Freunde bekommen nicht einmal mit, dass Sie auf Urlaub waren, denen wurden in dieser Zeit andere Streams gezeigt. Endlich zu Hause empfängt Sie Ihr Kühlschrank mit dem Hotel-Rezept auf dem Display und hat bereits online einen Koch geordert, der das Menü für Sie nachkocht. Gesättigt lehnen Sie sich zurück und denken: „Wow, was für ein verdammmtes Abenteuer!“

So far, so good
Das ist durchaus positiv. Die Cloud beschleunigt und erleichtert die Handhabung von Technik zu unserer Bequemlichkeit. Wir müssen weniger klicken. Und noch weniger nachdenken.

Aber, werden wir uns bewusst, das könnte bei genauerer Betrachtung auch gefährlich sein. Was geschieht, wenn sich jemand Zugriff auf Ihre Daten verschafft? Oder Ihre Daten aus Versehen gelöscht werden? Wenn Sie (in vielen Staaten sogar wahrscheinlicher) den Unwillen des Finanzamtes, der Regierung oder eines großen Unternehmens auf sich ziehen? Sie werden kontrolliert, von einem „Freund“ gemeldet und vielleicht auch: gesperrt. Kein Zugriff mehr auf Ihre Daten. Sie sind „off“. Wahrlich und permanent off. Ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, haben Sie keinen Zugriff mehr auf Ihre Identität. Denn die liegt verborgen in der dunklen Wolke.

Wenn das für Sie jetzt ein wenig wie Georg Orwells „1984“ klingt, seien Sie beunruhigt: Es ist mehr Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Wir werden das nämlich alles freiwillig tun. Und auch noch eine Menge Spaß dabei haben.




Kommentare:

Gino Cremer hat gesagt…

Ausgezeichneter Artikel mit viel Humor und leider ebenso viel Wahrheit. Was man leicht als übertriebene Satire abtun könnte, entpuppt sich später als bitterer Ernst. Allerdings wird es die (Konsum-) Gesellschaft schaffen uns diese immer stärkere Abhängigkeit als "Lifestyle" und "Must-Have" zu vermitteln. Einige wenige "Platzhirsche" werden in Eigenregie bestimmen können, wer was wo und warum zu tun hat.

Und wie treffend formuliert wurde, kann einem in Windeseile der Saft abgedreht werden, wenn man sich in irgendeiner Weise einer Obrigkeit widersetzt. Diese Obrigkeiten sind dann nicht nur politisch strukturierte Organisationen sondern Konzerne wie Facebook, Google oder Apple.

Nun könnte man spätestens 2015 die Faust erheben und eine Revolution anzetteln und zum Boykott aufrufen (die Wahrscheinlichkeit dass einem viele folgen ist verschwindend gering). Dumm nur, dass man aufgrund einer zentralisierten Blacklist außen vor bleibt und mit Brieftauben und Flaschenpost vorlieb nehmen muss.

Da einem schlussendlich also sowieso die Hände gebunden sind (Stichwort Schicksal - das hatten wir doch schonmal), sollte man versuchen das Beste draus zu machen. Jeder muss also für sich selber entscheiden welchen Preis (nicht Euro, erstens gibt es den 2015 nicht mehr da durch Facebook Coins verdrängt und zweitens zahlt man in Daten und nicht in harter Währung) er zu zahlen bereit ist für einen Happen mehr Komfort

Anonym hat gesagt…

Interessanter Text (und auch Kommentar von Hr. Cremer). Bin gespannt wie 2015 wird.

Dieter M. hat gesagt…

Scheint realistisch

Gino Cremer hat gesagt…

Passend zu diesem Artikel und als Reaktion auf eben diesen habe ich einen eigenen Blog-Post verfasst, den ich gerne zur Lektüre empfehlen würde: http://bit.ly/MYL9x9

Anonym hat gesagt…

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Mari hat gesagt…

Lieber Gergő, jetzt verstehe ich endlich mindestens etwas davon, womit du dich beschaeftigst! Der Artikel war sehr interessant, und auch totalen Laien, wie ich, in ihren Hauptlinien verstaendlich!
Liebe Grüsse,
Mari